Auszug aus dem ersten Kapitel

Warum musste ich ausgerechnet jetzt wieder an Botswana denken?

Ich hatte nur einen kurzen Moment lang durch das Fenster auf meinen dampfenden Johannesburger Garten hinausgesehen und wupps war ich in Gedanken dort. Auf dem Avocadobaum und den pinken Proteabüschen glitzerten noch Regentropfen vom Sommergewitter letzte Nacht... Ich sollte lieber mit der Übersetzung, die vor mir lag, weitermachen! Ein dringendes Scheidungsurteil. In the case between Joachim Meissner - plaintiff - and Nhlanhla... Das Telefon klingelte.

“Ja, Hallo.”

“Kann ich bitte mit Bokkie sprechen?”

“Ehem, es gibt hier keinen Bokkie.”

“Aber das ist doch Bokkies Nummer.”

“Tut mir leid, aber Sie haben die falsche Nummer gewählt.”

“Oh – sorry.”

“Kein Prob —“ Der Mann hatte schon aufgelegt.

Ich kannte mal einen Bokkie in Botswana… ein unangenehmer Bursche. Da war er wieder - der Gedanke an Botswana. Hatte sich einfach so angeschlichen.

Damals, als meine Schwester Claire beschloss dort zu arbeiten, wusste ich noch nicht mal, dass es ein afrikanisches Land gab, das Botswana hieß. Allein beim Gedanken an Afrika wurde es mir mulmig, vor allem dem Süden Afrikas, mit seinen großen, durstigen Wüsten.

Claire hatte das kein bisschen gestört. Es war nämlich genau das, was sie wollte. Und dann verschwand Claire in Afrika - am 16. Juli 1988.

Vermisst. Für mich ist es noch immer ein hässliches Wort. Oh, wie sehr ich Claire vermisste! Ich hatte wohl vorübergehend den Verstand verloren. Warum hätte ich sonst einfach so die Zelte in England abgebrochen und wäre Halsüberkopf nach Afrika gegangen? Ich nahm damals meinen ganzen Mut zusammen, weil ich mich selbst davon überzeugen musste, was geschehen war.

Anfangs beunruhigte mich die komplette Stille dort. Der westliche Rhythmus vibrierte noch tief in mir, trieb mich an, sie zu finden, mehr zu tun, immer mehr... ich brauchte eine Weile, bis ich gelernt hatte der Stille zu lauschen, ihr nachzugeben... Das Telefon klingelte. Warum klingelte das Telefon immer dann, wenn man wirklich keine Lust hatte zu reden?

“Hallo?”

“Kann ich mit Bokkie sprechen?”

“Falsche Nummer.” Diesmal legte ich auf.

Ich setzte mich wieder an den Schreibtisch beim Fenster und blickte in den Garten hinaus. Nicht weit entfernt zog ein gelber Webervogel mit seinem Schnabel Streifen von einem Palmblatt ab, um sein Nest damit zu flechten. Ich ließ meine Gedanken schweifen.

Ganze zwei Wochen hatte es damals gedauert bis man uns von Claires Verschwinden informierte. Zwei lange Wochen!

Ihre neue Firma hatte doch tatsächlich geglaubt, dass Claire einfach ein paar Tage an ihre Kurzreise ins Okavango Delta dran gehängt hatte. Angeblich machte das jeder so. Es war ganz normal in Afrika dauernd zu spät zu kommen.

Ich wusste es damals noch nicht - dass die Zeit in einem Land wie Botswana langsamer vergeht. Ein paar Tage hier und da machten keinen Unterschied. ‘African time’ nannte sich das. Deshalb war niemand beunruhigt gewesen. Es verstrichen Tage, bis man endlich die Polizei in Botswana einschaltete. Dann Scotland Yard. Hätte es einen Unterschied gemacht - die Zeit?

Die Erinnerung an das Jahr bevor sie nach Botswana ging, war bittersüß. Wir nannten uns gegenseitig immer Fumpy. Sogar noch im Alter von 22 Jahren. Wahrscheinlich haben alle Zwillinge so komische Ausdrücke, die nur sie selbst verstehen können.

Ich heiße eigentlich Bridget und bin um ganze zwei Minuten die ältere Schwester. Wir haben zwar dieselben blau-grünen Augen, aber Claire ist blond und zierlich (genau wie Mom) und ich schlage mehr nach der Familie meines Vaters. Ich bin größer und brünett, mein Gesicht ist rundlicher und meine Haut rosiger.

Wir waren immer schon wandelnde Gegensätze gewesen und Claire hatte mir einiges voraus. Sie lächelte immer und war überall beliebt. Ich war eher ernst und zurückhaltend. Um Claire scharten sich die Jungs, was sie mit selbstbewusster Gleichgültigkeit hinnahm, denn sie hatte ja meist einen festen Freund. Ich war eher schüchtern, schätzte eine kleine Gruppe von Freundinnen und ließ mich auf kurze, lauwarme Beziehungen ein. Sie wollte ständig verreisen. Nach Kalifornien, Dänemark und Peru. Wir waren gerade mit unserer Freundin Liz in Peru gewesen. Für ganze drei Wochen! Ich hatte danach eine Zeit lang genug vom Reisen, aber Claire wollte mehr.

Ich war zufrieden mit meinem ruhigen Leben in England. Claire war Bauzeichnerin und ich hatte meine Arbeit als freiberufliche Übersetzerin. Uns ging es gut und das genügte mir. Jeden Winkel unserer Kleinstadt kannte ich, weit entfernt vom Gedränge der Großstadt. Mir gefiel einfach alles an Cambridge. Die moosbedeckten Dächer und die mittelalterliche Atmosphäre, der Weihnachtschor bei Kerzenschein im King’s College und die Bootsleute, die auf dem Fluss unter den Brücken herum gondelten.

Warum sollte ich woanders hinwollen? Die Welt war einfach zu groß und angsteinflößend und voll unverständlicher Dinge.

Nach der Peru-Reise machte Claire ernsthafte Pläne Cambridge zu verlassen. Sie hatte es sich in den Kopf gesetzt, einen zweijährigen Vertrag mit einer internationalen Baufirma zu unterschreiben und nach Botswana zu ziehen. Botswana war ganz unten in Afrika! Ein Ozean und ein riesiger Kontinent würden zwischen uns liegen. Ich konnte es mir kaum vorstellen. Und überhaupt - was sollte aus mir werden?

Pierre Boucher war daran schuld gewesen! Wenn der ihr nicht den Floh vom verlockenden südlichen Afrika ins Ohr gesetzt hätte, wäre Claire nie auf die Idee gekommen dort hinzuziehen. Claire und Pierre Boucher kannten sich vom College in London. Später hatte er seine Tswana-Freundin geheiratet und die beiden waren nach Botswana gegangen. Nur, vor kurzem hatte Claire sich mit Pierre und Karabo in London wiedergetroffen und bei dieser Gelegenheit erfuhr sie von dem großen Haus in Francistown mit eigenem Swimmingpool, Hausmädchen und Gärtner und allem pi pa po. Von der einmaligen Landschaft und der wunderbaren Stille mal ganz abgesehen.

Auf einmal musste Claire einfach dort hin, in dieses fabelhafte Land. Sie wollte den lässigen Lebensstil genießen und die Freiheit; die weite Steppe sehen, die Tierwelt, den unendlichen Himmel.

Claire machte keine halben Sachen, sie bewarb sie sich bei einer Auslandsvermittlung um einen Job in Botswana - und wurde sofort angenommen.

Ein Traum wurde für sie wahr. Ein Albtraum für mich.

Es nutzte alles nichts: weder Klagen, noch Vorwürfe, noch Drohungen. Claire ließ sich nicht von ihrer Entscheidung abbringen. Ich versuchte tapfer zu sein und sie zu unterstützen. So sehr ich auch unter ihrer Entscheidung litt, so sehr ich selbst mit ihr stritt, ich duldete es nicht, dass andere meine Schwester kritisierten. Die meisten wussten das.

Nur David offenbar nicht.

Mein Freund David und ich hatten deswegen einen Mords-Streit, als wir mal wieder in unserer Lieblingskneipe in der Norfolk Street saßen. Wir sprachen eigentlich nie über Gefühle, aber meine Nerven waren nicht in bestem Zustand. Um ganz ehrlich zu sein, hatte sich unsere Beziehung schon wieder leicht abgekühlt. Es gefiel ihm nicht, dass meine Schwester mich in den Ferien in der Weltgeschichte herumschleppte. Neulich hatte er gefragt, was denn an den Midlands oder an Cornwall auszusetzen sei. Kurz und gut, David kritisierte Claire.

Als wir dann so beim Essen saßen und über Cricket redeten, fing er auf einmal aus dem Blauen heraus damit an.

“Deine Schwester ist schon komisch. Wieso will sie ausgerechnet in Afrika leben? Sowas würde mir nie einfallen! Echt komisch.”

Was? Ich hätte mich beinahe verschluckt.

“Ach wirklich und warum ist das so komisch?” fragte ich ihn irritiert.

Er nahm einen Schluck aus der Bierflasche. Grolsch war sein Lieblingsgetränk. “Weiß doch jeder, wie unsicher es da ist. Außerdem betrinken sich Afrikaner dauernd und so.” David hatte sich in der letzten halben Stunde selbst zwei Biere gegönnt. Aber das war wohl was ganz anderes. “Dauernd ist irgendwo Krieg und in Afrika ist es schmutzig und heiß und unzivilisiert... und der ganze gefährliche Dschungel da ….”

beeilte er sich, diesen großartigen Standpunkt zu bekräftigen.

Als er meinen Blick sah, nahm er schnell noch einen stärkenden Schluck aus der Bierflasche. Er meint es sicher nicht so, versuchte ich mich zu beruhigen, aber ich merkte, wie ich mich immer mehr aufregte.

Ein paar Studenten kamen herein und schauten sich nach einem freien Tisch um. Zwei der Mädchen starrten in unsere Richtung, als wollten sie sagen ‘steht endlich auf und geht, jetzt sind wir dran’.

Das irritierte mich noch mehr.

“So, jeder weiß also, wie das so ist in Afrika... dabei liegt Botswana bei Südafrika und nicht auf dem Mars. Meilenweit von Angola und Eritrea entfernt. Es gibt keinen Krieg dort... und keinen gefährlichen Dschungel.” Zumindest soweit ich das beurteilen konnte…

“Klar weiß ich wo das liegt. Trotzdem… in Südafrika ist auch nicht gerade friedlich, oder?... Apartheid und das alles.”

Genau ins Schwarze getroffen. Im Jahr 1988 steckte Südafrika nämlich noch mitten im Befreiungskampf. Mir war das auch zu unsicher, aber Claire war es anscheinend egal.

“Weißt du was, David? Ich finde, du bist komisch!” fuhr ich ihn plötzlich an, als mir der Kummer hochstieg. “Verdammt noch mal, Claire will doch nur ihren Traum verwirklichen. Und sie geht ja nicht allein. Ihr Freund geht mit. Ich frage mich, ob du das für mich machen würdest. Wohl kaum!”

Ich weiß ja, dass es unfair war, aber ich ärgerte mich über David und ich ärgerte mich über Claire. Warum musste sie sich so in Gefahr begeben? David hatte einfach nur so dahergeredet; unsensibel wie immer. Was wusste er denn schon? England war seine Welt und meine Gefühle kannte er auch nicht.

Ob es mir gefiel oder nicht, wegen Claire war ich dazu gezwungen, mich mit dem Rest der Welt zu beschäftigen. Auch mit Afrika. Und Claire war in guten Händen: Tony Stratton war seit 18 Monaten Claires Freund. Lehrer für Mathe und Wirtschaftslehre war er und er hatte auch gleich einen Job an einer Privatschule in Gaborone gefunden. Eigentlich ganz nett, dieser Tony. Wäre sie auch ohne ihn hingegangen? Ganz bestimmt.

David war sich nicht sicher, was er von meinem Ausbruch halten sollte. Er strich sich nervös das dichte braune Haar aus der Stirn und blickte sich in der Kneipe um. Starrten uns die Leute schon an und wo blieben nur seine Freunde?

“Na, das habe ich nicht kommen sehen!” lachte er und tat so, als hätte ich etwas Lustiges gesagt. “Ach komm schon Bridsch, was ist denn so schlimmes daran, dass ich lieber in England lebe? Alles was ich brauche, ist hier. Afrika ist so…so anders. Vielleicht mal in den Ferien eine Reise dahin machen. Obwohl, dann vielleicht eher Mallorca. Aber wie man gleich nach Afrika ziehen kann - das verstehe ich nicht.” Er schüttelte sich. Auf einmal hatte ich genug.

“Du kannst einfach nicht aufhören damit! Ich will jetzt nicht mehr über die Sache reden,” rief ich impulsiv. Ich musste weg hier! Jetzt gleich! Noch ein Wort und ich würde ausflippen. “Ich muss gehen.”

 Ich suchte nach meiner Brieftasche und bezahlte die Tagliatelle Alfredo.

“Was, wieso denn?”

Für einen kurzen Moment hätte ich David schütteln mögen. Die Wahrheit war voll von rohen Gefühlen, und das hätte ihn nur noch mehr erschreckt. Stattdessen sagte ich ihm, ich hätte Kopfschmerzen. Ich ging dann zu Fuß nach Hause, um mich abzureagieren. Beim Gedanken an das gemütliche Haus in der Tenison Avenue beschleunigten sich meine Schritte. Mein Lieblingsort, gerade groß genug für uns vier: Mom, Dad, Claire und mich. Im Sommer umrahmten rote Malven und blaue Vergissmeinnicht den grünen Rasen hinten. Darauf standen weiße Gartenstühle und ein runder Tisch. An warmen Sommertagen tranken wir hier Tee und unsere verwöhnte graue Katze Hinny sah uns vom Balkon aus zu. So mochte ich es am liebsten und hier fühlte ich mich geborgen.

Mein Zorn auf alle verrauchte schnell, aber die Gedanken, denen ich bisher so erfolgreich ausgewichen war, überfielen mich jetzt hinterrücks: Claire ging fort und ließ mich zurück. Das tat weh. Mein Zwilling zog nach Afrika und ich steckte in meinem eintönigen Leben fest.

Kino am Mittwoch, Abendessen in der Kneipe am Donnerstag, Sport am Freitag. Immer das Gleiche und meist verbrachte ich die Zeit mit David. Würde das immer so weitergehen, während Claire sich mutig ins Leben stürzte. Das hatte ich mir noch nie so genau überlegt. Plötzlich war ich unzufrieden. Claire war die Würze in meinem Leben. War das egoistisch? Ich beschloss, Claire bald in Botswana zu besuchen, und schritt kräftiger aus. Selbst in der Dunkelheit zog mich die Wärme unseres Hauses an.

Ich bog in die Sturton Street ein, dann in die Tenison Avenue. Ich sollte einfach mit Claire sprechen, dachte ich als ich die Tür aufschloss. Aber Claire war nicht zuhause.

In den nächsten Tagen wimmelte mein Vater David am Telefon ab. Wir sprachen nie über Gefühle und ich war voll verwirrender Gefühle, die ich nicht mit ihm teilen konnte. Dann hörten Davids Anrufe einfach auf. Die Trennung war kurz und schmerzlos. Auch gut. Meine Gefühle für Claire waren dafür umso schmerzhafter.

“Lass mich doch nicht allein hier,” bettelte ich sie an. “Ich will nicht, dass du weggehst.” Ich wusste, wie erbärmlich das klang.

“Das ist nicht fair Fumpy. Und außerdem…bist du ja nicht allein.” Claire sprach mit mir wie mit einem Kleinkind. “Da sind Mom und Dad und David und Sahida... und Liz und Diane… und du bist doch gerne hier.”

Nicht ohne dich, Claire, dachte ich trotzig, nicht ohne dich! Sie saß im Korbstuhl und lehnte mit dem Kopf gegen die Wand. Die Blätter draußen warfen hüpfende Schatten auf das David Bowie-Poster. Ich hatte Claire noch nicht erzählt, dass ich mich von meinem David getrennt hatte. Es war im Moment auch nicht wichtig.

“Und was ist, wenn dir was passiert?” grollte ich und drehte mich auf den Bauch. Ich lag quer auf dem Quilt, mein Kinn in beide Hände gestützt.

“Was soll mir denn schon zustoßen? Ich wohne doch in einem Firmenhaus mit einem Haufen Kollegen um mich. Ich werde wohl nie allein sein. Und dann ist da natürlich Tony. Er wird sich schon um mich kümmern,” versuchte Claire mich zu beruhigen, während sie auf einem leeren Umschlag herumkritzelte. Sie schien mit ihren Gedanken ganz woanders zu sein. Bei Tony wahrscheinlich. Eine halbe Sekunde lang stieg Eifersucht in mir auf. Es war kurz von Heirat die Rede gewesen, aber soweit ich das beurteilen konnte, läuteten noch keine Hochzeitsglocken.

“Wirst du mich denn nicht auch ein wenig vermissen?” schmollte ich.

“Natürlich werde ich dich vermissen! Überhaupt - du kommst mich ja bald in Gaborone besuchen, oder? Dann erkunden wir zusammen die Kalahariwüste.”

“Oh wie schön,” sagte ich unterkühlt, nur um Claire ein wenig zu sticheln.

“Ach komm’ schon, schau’ nicht so böse drein, Fumpy!” Sie schnitt eine Grimasse und ich musste lachen. Nur Claire hatte Unrecht gehabt. Ihr war etwas zugestoßen - ein paar Wochen später war Claire verschwunden!

Als die Nachricht uns erreichte, war ich benommen vor lauter Trauer und Sorge um sie. Nichts machte mehr Sinn. So etwas konnte... durfte doch einfach nicht passieren!

Ich schlich mich auf Claires Zimmer, warf mich auf ihr Bett und schrie ins Kopfkissen, bis ich keine Stimme mehr zum Schreien hatte. Dann kamen die Tränen. Ich hätte sie nicht gehen lassen dürfen, dachte ich, ich hätte sie nicht gehen lassen dürfen. Der nadelspitze Gedanke stieß jede Logik aus dem Weg. Als hätte ich jemals die Macht dazu gehabt, meine starrsinnige Schwester von irgend etwas abzuhalten.

Was sollte ich jetzt bloß tun?

 

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