Auszug aus dem ersten Kapitel

Es gibt eine wunderschöne Gegend in Südafrika, zwischen der Kalahari-Wüste und den Magaliesbergen. Hier pulsieren das Gestein, das Wasser und alle Lebewesen im Rhythmus von Mutter Natur. An diesem Ort herrscht noch Harmonie und der Besitz von Geld und Gütern steht nicht über allen Dingen.

Dort befindet sich die Shangari Safari Lodge; ein Stückchen Paradies für viele, die es kennen. Die Landschaft geht ins Grenzgebiet der gewaltigen Kalahari über und ein reißender Fluss wirbelt an sandigen Uferstränden vorbei, die mit Busch und Savanne gesäumt sind und mit Agaven bedeckten Hügeln.

Wenn man den Anweisungen folgt, ist es eigentlich nicht schwierig den Weg nach Shangari zu finden. Es gibt hier auf dem Lande nämlich keine Straßennamen, aber man muss einfach nur auf der neuen Teerstraße von Rutgersdrift aus in Richtung Norden fahren, und dann rechts am riesigen Baobabbaum abbiegen. Zwei geschäftstüchtige Frauen in traditioneller Tracht stehen im Schatten des Baumes und verkaufen an ihrer Bude Avocados, Macadamianüsse und selbstgemachte Baobab-Marmelade.

Wenn man Glück hat, kann man die Affen im Geäst der breiten Baumkrone herumklettern sehen oder man sieht ein paar neugierige Erdmännchen, die auf ihren Erdhöhlen sitzen und die Straße im Auge behalten. Die Teerstraße windet sich weiter nach Norden an Avocado- und Zitrusplantagen vorbei über eine alte Brücke und durch das Städtchen Renosterspruit hindurch, bis sie von einer Dreckstraße bis zur Grenze mit Botswana abgelöst wird. In dieser Gegend hat sich seit vielen Jahren kaum etwas Bemerkenswertes getan und es passiert fast nie etwas Ungewöhnliches.

Rutgersdrift ist die Kreisstadt, wo die Bewohner stolz auf ihre schattigen Straßen sind, auf das kleine Krankenhaus und die verschlafene Polizeistation gleich neben dem Kirchturm. Keine fünf Minuten außerhalb der Stadt befindet sich eine Landebahn. Sie wird häufig von einmotorigen Flugzeugen aus Johannesburg und Pretoria angeflogen. In ihren Bäuchen befinden sich jede Menge Touristen, die es kaum erwarten können, sich am Spektakel der unberührten Natur satt zu sehen.  

Vom Baobab aus fährt man mit dem Auto auf der Dreckstraße eine halbe Meile nach Shangari weiter, bevor die weiß-glänzenden Torpfosten auftauchen. Ein Farmarbeiter im blauen Overall frischt mit einem Pinsel die schwarzen Buchstaben auf dem Schild darüber auf.

“Shangari Safari Lodge” steht darauf. Zwei weitere Arbeiter fegen die Straße und winken den ankommenden Fahrzeugen hinterher. Von hier aus dauert es nur noch eine kurze Minute. Die Straße führt an farbigen Blumenbeeten und staubigen Kakteen vorbei, bevor man den Parkplatz erreicht. Die Gebäude des Landhotels sind aus Naturstein gemauert, die aus der Gegend stammen und ihre Farbe von Ocker zu Rosa und Braun wechseln, je nach dem Stand der Sonne.

Man geht eine breite Treppe zu einer kühlen Halle hinauf, die mit überdimensionalen, afrikanischen Kunstgegenständen dekoriert ist. Hier gibt es auch geschnitzte Holzpfosten zu sehen , die das hohe strohgedeckte Dach tragen. Es muss eine der meistfotografierten Hotelhallen in Südafrika sein, und hier können sich Besucher auf einladenden, beigen Sofas und gepolsterten Korbsesseln zu einer wohlverdienten Ruhepause niedersetzen.

Blickt man nach links, entdeckt man hinter der Rezeption an der Wand den Kopf eines Kudus mit eindrucksvollen Korkenzieher-Hörnern. Glastüren führen in einen Andenkenladen, wo man Mitbringsel kaufen kann. Ein kleiner Raum mit einer Weißwandtafel wird für Besprechungen und Vorträge genutzt und draußen lockt ein einladender Swimmingpool und eine breite Holzterrasse. Hier lässt es sich im Schatten großer Sonnenschirme mit einem Drink an der Bar gut aushalten oder man genießt die ausgezeichneten Gerichte und beobachtet dabei durch Feldstecher die Tiere in freier Natur.

Hat man eines der gut-ausgestatteten Zimmer gebucht, geht man hinter dem Portier, der das Gepäck trägt, die Holztreppe hinauf. Alles was der Gast nun zu tun hat, ist sich mit einem zufriedenen Seufzer auf dem Himmelbett oder in einem bequemen Sessel auf der Privatterrasse niederzulassen, und sich tief beeindruckt der einmaligen Aussicht hinzugeben.

Shangari ist keinesfalls die einzige Safari Lodge in der Gegend. Es gibt hier viele Farmen, die sich auf den Hotelbetrieb umstellen mussten. Nur, dass Shangari dem Besucher etwas mehr außer purem Luxus und unberührter Wildnis bieten konnte. Die Lodge hatte sich zu einer Art Geheimtipp unter Touristen entwickelt, die eine unzuverlässige Internetverbindung nicht so wichtig fanden. Einige meinten sogar, Shangari hätte etwas Magisches an sich.

Wilderer, die es auf die prächtigen Nashörner an der Grenze mit Mosambik abgesehen hatten, waren glücklicherweise noch in weiter Ferne, das heißt, bis ihnen ein Breitmaulnashorn zum Opfer fiel. Es war im Lungile Game Park, nicht weit von Shangari, erschossen und enthornt worden. Entsetzt von diesem plötzlichen Akt der Gewalt, hatten die Wildfarmer eine nächtliche Ranger-Patrouille ins Leben gerufen und das trügerische Gefühl von Sicherheit war wieder hergestellt.

Im Februar, als die anstrengende Weihnachtssaison überstanden war, befand sich Shangari wieder wie gewohnt in einem verträumten Zustand der Selbstzufriedenheit. Die Luft über der Straße hatte sich erhitzt, sodass sie in schimmernde Wellen dahinzuschmelzen schien. In dieser Hitze konnten sich Menschen wie Tiere nur träge bewegen. Die Wilderer hatten ihre Aktivitäten in diesem Stückchen Paradies allerdings noch nicht aufgegeben.

Die Nachtluft war milde, Zikaden schilpten ihr Schlafliedchen und wiegten die Menschen in Shangari unter dünnen Moskitonetzen in den Schlaf. Einige der Gäste hatten sich an der Bar zu viel von den teuren alkoholischen Getränken gegönnt und wieder andere genossen auf ihren Zimmern die klare Mondnacht. Ein paar Farmarbeiter hatten dem beliebten Hirsebier im Shebeen sehr zugesprochen und schliefen nun ihren Rausch aus, während die Wildhüter Shangari gegen Eindringlinge beschützten.

Tom Rutgers, der Eigentümer der Lodge, lag neben seiner finnischen Freundin, Sofia Helenius – der Liebe seines Lebens. Er berührte ihr dunkles Haar ganz sanft mit seinen Lippen, um sie nicht zu wecken. Sofias Wangen waren noch gerötet vom Liebesspiel. Wie wunderschön sie ist, dachte er, wie sie lächelt im Schlaf. Wenn sie lächelte, erschien ein kleines Grübchen auf ihrer Wange und eines neben ihrem Mund; Sofia lächelte oft und gerne. Sie hatten eine leidenschaftliche Stunde hinter sich, doch dunkle Gedanken gaben keine Ruhe. Tom und Sofia hätten schon lange verheiratet sein können, wenn sie seinen Antrag damals in Finnland nicht abgelehnt hätte.

Ihre Beziehung hielt schon seit fast fünf Jahren, aber immer, wenn er das Thema Heirat anschnitt, wich sie ihm aus. War es langsam an der Zeit es wieder damit zu versuchen? Die kleine schwarze Schachtel, die den Aquamarin-Ring enthielt, brannte schon ein Loch in seine Socken-Schublade. Tom konnte ziemlich sicher sein, dass sie die Schachtel dort niemals finden würde. Er wusste, dass Sofia Aquamarine liebte, doch wovon Tom Rutgers nichts wusste, war das Geheimnis, das in ihrem Innern wühlte und sie davon abhielt, ihm seinen innigsten Wunsch zu erfüllen. Bald versank er in einen wohligen Traum und Tom begann leise zu schnarchen.

Der Farmarbeiter, der mit dem Streichen vor Sonnenuntergang fertig geworden war, lag in zufriedenem Schlummer. Die Zimmermädchen, Köche, Gärtner und deren Familien schliefen Zuhause in einem Gebäudekomplex, nicht weit von der Lodge entfernt. Sie träumten von Ruhm und Wohlstand, wie sie es in der beliebten Seifenoper gesehen hatten, die gewöhnlich über den großen Bildschirm in der leeren Halle geflimmert war; wie immer vor dem Andrang am Wochenende. Shangari mit einem anderen Ort der Welt zu tauschen, konnten die meisten von ihnen sich gar nicht vorstellen. Viele der Tswanas hier waren mit den Buschmännern verwandt, die immer schon in Shangari gelebt hatten.

Dies traf auch auf die erfahrenen Wildhüter zu, die über das wilde Buschland wachten. Was die Spurensuche anging, waren die Khoi-San unschlagbar, und einige von ihnen konnten sich sogar mit den Tieren dort verständigen. Die Ranger wussten genau, wie gefährlich es war, schwerbewaffnete Wilderer zu konfrontieren und hatten strikte Anweisungen, die Polizei über Funkspruch zu informieren, sobald sie verdächtiges Treiben entdeckten.

Diese milde Nacht versprach genauso ereignislos zu werden, wie die Nacht davor. Aber das sollte sich tragisch ändern.

Es raschelte zwischen den Bäumen, dann fielen Schüsse - bevor das Unvorstellbare passierte. Die allerersten Sonnenstrahlen fanden einen der tapferen Wildhüter und ein seltenes Spitzmaulnashorn tot in ihren Blutlachen liegend. Das Tier hatte sein Leben wegen der wertlosen Hörner lassen müssen, die Mutter Natur ihm verliehen hatte. Doch in Asien erzielten diese höhere Preise als Gold. Der Mensch starb, weil er versucht hatte das sinnlose Töten zu verhindern. Den Wilderern war all dies gleichgültig. Sie machten sich mit zwei grauen Klumpen in einer blutigen Tasche davon; voller Aufregung über das versprochene Geld, das sie für ihre Tat erhalten sollten.

Ein kleines Nashorn-Kälbchen saß neben seiner sterbenden Mutter. Es stand unter Schock, da es das schreckliche Ereignis hatte mitansehen müssen. Es saß einfach nur da und wartete, während es leise vor sich hin weinte und dabei zusah, wie das Leben aus der Mutter wich. Währenddessen starb der Ranger an seinen Schusswunden und erkaltete einsam und allein am Rande des nahen Waldes.

*

Als Shangari bei Tagesanbruch erwachte, versprach die zarte Morgenröte, sich wieder in einen glühenden Sommertag zu verwandeln. Tom Rutgers erwachte, als praktische Gedanken sich in seinen wohligen Schlummer drängten. Das Hotel würde bald nur so von Gästen wimmeln, die das Wochenende gebucht hatten, um die bevorstehende Mondfinsternis zu verfolgen. Vor ihrer Ankunft gab es noch allerhand zu tun. Er tastete nach dem Wecker und schaltete ihn ab, damit er nicht losschrillen und Sofia unsanft dabei wecken konnte.

Das geräumige Farmhaus mit seinen Giebeln im Cape-Dutch-Stil und den breiten Terrassen, die einen privaten Garten mit Swimmingpool umschlossen, war schon seit vier Generationen das Heim der Rutgers-Familie gewesen. Das Haus war vor einigen Jahren umgebaut worden und Toms Vater hatte die Bauarbeiten damals selbst beaufsichtigt.

Tom Rutgers war dreiunddreißig Jahre alt und hatte Ingenieurswesen studiert. Nach dem Studium hatte er sich bei einer renommierten Firma in Kapstadt hochgearbeitet, doch als sein Vater vor drei Jahren einen Herzinfarkt erlitt und wenige Tage danach starb, war Tom in seine Heimatprovinz zurückgekehrt. Sofia war ihm einige Monate danach gefolgt und übernahm die Verwaltung der Lodge. Er hatte eine glückliche Kindheit in Shangari verbracht und es machte ihm nichts aus, sich von jetzt an um die Leitung des Hotels zu kümmern. Nicht lange danach hatte seine Mutter wieder geheiratet und war nach Holland gezogen. Da ihr neuer Ehemann nicht besonders gerne seinen Urlaub in Afrika verbrachte, telefonierte Tom meist nur zu besonderen Gelegenheiten, wie an Weihnachten und Geburtstagen, mit seiner Mutter.

Er hatte fast alle Ziele in seinem Leben erreicht. Außer einer Sache... Sofia, dachte er und verstand es einfach nicht. Es war wohl besser gleich aufzustehen, statt sich unnötigen Gedanken hinzugeben, die doch zu nichts führten!

 

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